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Dienstag - 17.04.2007 - Stories & Reportagen

Beeindruckend anders: Manuelinik
Eine Reise in die manuelische Architektur

Eine beeindruckendere Architektur als die Manuelinik gibt es wohl kaum. Man begegnet ihr außer in Portugal nirgendwo in der Welt. Sie erinnert an die Zeit, als Portugal über Meere und Kontinente herrschte und die halbe Welt portugiesisch war. Anfang des 16. Jahrhunderts hatte das kleine Land mit seinen damals rund 1,2 Millionen Menschen ein weltumspannendes Imperium aufgebaut, das rund um den Erdball von Brasilien, Afrika über Indien, Indonesien bis nach Nagasaki reichte. Mit König D. Manuel I., dem Glücklichen, brach für Portugal das "Goldene Zeitalter" an, die glanzvollste Epoche seiner Geschichte.



Auf der Höhe seiner Macht setzte Manuel I. (1495-1521) mit dieser nach ihm benannten Stielrichtung sich selbst und der Seefahrernation ein Denkmal. Die schlichte, monumentale Grundstruktur der Manuelinik entstammt der Spätgotik. Stilelemente aus der Frührenaissance sowie der islamischen und orientalischen Welt ergänzen sie: Rundbogenfenster, Hufeisenportale, Säulen und Türmchen, Arkaden und Baldachine. Die Krönung aber sind die verblüffenden Verzierungen. Die Ideen dafür brachten oftmals die Seefahrer von ihren weiten Reisen mit. Steinmetze, Meister ihrer Kunst, setzten sie in filigrane Ornamente um. Da wachsen Algen, Seetang, Korallen und Schlingpflanzen aus dem nackten Stein heraus, Meerestiere wie Muscheln und bizarre oder phantastische Ungetüme, die die Seeleute unterwegs in Angst und Schrecken versetzt hatten, Schiffszubehör, wie Taue, Anker und Netze. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Dazu gehören auch nautische Gegenstände, etwa die Armillarsphäre, ein astronomisches Gerät zum Messen der Himmelskreise, die D. Manuel I. zu seinem persönlichen Wappenzeichen machte. Dazu gesellt sich stets das Kreuz der Christusritter, mit deren Geldern die Entdeckungsreisen größtenteils finanziert wurden. Die üppige maritime Symbolik wuchert an Wänden, Portalen und Fenstern, schmückt Klöster, Kirchen und Paläste und rankt sogar noch an Schandpfählen hoch.



Zu den schönsten Beispielen der Manuelinik zählen im Lissabonner Vorort Belém das Hieronymitenkloster und die Torre de Belém, das Kloster Batalha sowie das Fenster der Christusritterburg in Tomar.

In Belém gab es zu Zeiten Manuels I. nur einen Hafenkai. Im Sommer 1497 lichteten hier die Karavellen Vasco da Gamas die Anker mit dem Ziel, den Seeweg zum Gold- und Wunderland Indien zu finden und das arabische Handelsmonopol im Orient zu zerstören. Vier Jahre später kehrte der Indienfahrer mit der ersehnten Erfolgsmeldung zurück. Unvorstellbare Reichtümer flossen nach Lissabon, Gewürze, Gold und Sklaven. Zum Dank stiftete König Dom Manuel I. dem Hieronymiten-Orden ein Kloster, das in Dimension und Pracht der Bedeutung der Entdeckung des Indienreisenden gerecht würde. Der Grundstein wurde dort gelegt, wo die Karavellen des berühmten Seefahrers in See stachen, um Weltgeschichte zu schreiben: am Tejo-Ufer in Belém.

Gigantische Ausmaße, Harmonie und Verzauberung ohne Ende machen das Jerónimo-Kloster zu einem Glanzstück der Manuelinik und zu einem der schönsten Baudenkmäler der Welt. Gottesfurcht, Tyrannei und eine Baukunst auf der Höhe Michelangelos trafen sich in einer Zeit des Überflusses, so dass dieser Palast Gottes in die Höhe wachsen konnte. 1502 begann Baumeister Diogo Boytaca mit den Arbeiten. Im Stein verarbeiteten Künstler wie Nicolas de Chanterène und João de Castilho die phantastischen Berichte der Entdeckungsfahrer über muslimische Moscheen, indische Tempel, Korallen, Algen, Kraken und andere Meeresbewohner, die ihnen unterwegs begegnet waren.

Wenige Meter vom Jerónimo-Kloster entfernt, befindet sich ein weiteres manuelinisches Highlight. Zu Zeiten Vasco da Gamas schlug der Tejo noch an die Stufen des Klosters und die Torre de Belém lag wenige Meter von ihm entfernt mitten im Fluss. Wie eine mit schwerem Geschütz gerüstete Karavelle wurde der Turm zwischen 1515 und 1521 ins Wasser gebaut, ein Geniestreich von Francisco de Arruda. Die Kapitäne feindlicher Schiffe, die in die Flussmündung segelten, mussten annehmen, dass die nationale Flotte zur Verteidigung des wichtigsten europäischen Hafens schon bereitstand. Erst die viel spätere Versandung des Tejo und die Senkung des Meeresspiegels haben die Torre zur Uferdekoration gemacht. Die mehrgeschossigen Galerien des bizarren Turmes quellen über von phantastischem Dekor und manuelinischen Stilelementen.
Auch das Kloster Batalha ist ein Gelöbnis in Stein. Fällt der Name Batalha, was wörtlich "Schlacht" bedeutet, erinnert sich Portugal an eine der Sternstunden seiner Geschichte. Im Dynastiestreit mit Spanien gelobte 1385 König D. João I. (1385-1433), der Jungfrau Maria ein Dominikanerkloster zu stiften, wenn sie ihm den Sieg schenken würde. Der Triumph war auf der Seite Portugals, 1388 wurde der Spatenstich für ein prachtvolles Kunstwerk gesetzt. Obwohl das "Siegeskloster" Santa Maria da Vitória, schlicht Batalha genannt, bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts eine Baustelle blieb, insgesamt fünfzehn Baumeister im Auftrag von sechs Königen an ihm arbeiteten, entstand hier eine kunstvolle, in sich harmonische Klosteranlage.

Der Christuskonvent in Tomar war das Nervenzentrum der Welteroberung. Wie ein in den Krieg ziehendes Schlachtross hat sich die Ritterburg der Anhöhe über der Stadt Tomar bemächtigt. Die Bauherren waren die Tempelritter, ein reicher Waffenorden, der den durch Fluss und Hügel geschützten Ort im 12. Jahrhundert zu seinem Sitz machte und 1312 in den Orden der Christusritter umbenannt wurde. Zum portugiesischen Königshaus bestand eine enge Verbindung, die nicht selten in der Personalunion von König und Ordensgroßmeister zum Ausdruck kam. Ihr bekanntester Großmeister war im 15. Jahrhundert Heinrich der Seefahrer, der von 1415 bis zu seinem Tod 1460 Portugals maritime Expansion organisierte und aus den Ordenskassen finanzierte. Die Karavellen der Entdeckerkapitäne wie Vasco da Gama, Bartolomeu Dias und Pedro Álvares Cabal, die im Auftrag von Krone, Kreuz und Kapital in einem Jahrhundert drei Kontinente eroberten, segelten alle unter dem roten Kreuz der Christusritter.

Der Christuskonvent ist das größte Kloster Portugals. Den Kern der Anlage bildet ein gewaltiger sechzehneckiger Bau. Durch ein reich bearbeitetes Portal aus der manuelinischen Phase gelangt man in die alte Tempelkirche und die achteckige Charola, das eigentliche Sanktuarium der Templer. An diesen Komplex schließen die manuelinische Christusritterkirche an sowie insgesamt sieben Kreuzgänge. Das eigentliche Prachtstück des Klosters befindet sich an der Außenseite des Kapitelsaals: die berühmte Janela de Tomar (Fenster von Tomar) ist ein Musterbeispiel des manuelinischen Baustils. Dickes Takelwerk umrankt das Fenster, verschlungen, geknotet und mit Seetang bewachsen. Muscheln und Korallen sind detailverliebt in den Stein gearbeitet. Natürlich fehlen auch hier die Armillarsphäre Dom Manuels I. und das Kreuz der Christusritter nicht.

 

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von Ingo


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